Freitag, Dezember 12

Die Wachablösung im deutschen Online-Lebensmittelhandel

Warum Picnic 2026 Rewe als Marktführer verdrängen wird

Mit 430 Millionen Euro frischem Kapital und einer aggressiven Expansionsstrategie forciert das niederländische Start-up Picnic den Wettbewerb im deutschen Online-Lebensmittelhandel. Die These ist gewagt, aber durch Zahlen untermauert: Bereits 2026 wird Picnic den etablierten Marktführer Rewe im Liefergeschäft überholen. Die Indikatoren sprechen eine klare Sprache.

Der Abstand schmilzt rasant

Die nackten Zahlen zeichnen ein eindeutiges Bild: Picnic erzielte 2024 in Deutschland einen Umsatz von 600 Millionen Euro – das sind bereits rund zwei Drittel des Rewe-Lieferservice-Umsatzes von 920 Millionen Euro. Was auf den ersten Blick noch komfortabel erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als fragile Führungsposition.

Denn entscheidend ist nicht die momentane Positionierung, sondern die Wachstumsdynamik. Picnic wuchs 2024 um beeindruckende 50 Prozent, während Rewe im Online-Segment zwischen 20 und 33,5 Prozent zulegte. Diese Wachstumsdifferenz ist der entscheidende Hebel: Picnic gewinnt nicht nur Marktanteile, sondern gewinnt sie deutlich schneller als die etablierte Konkurrenz.

Die Mathematik der Expansion

Rechnet man die Entwicklung konservativ durch, ergibt sich folgendes Szenario: Bei einem anhaltenden Wachstum von 40 Prozent würde Picnic 2025 etwa 840 Millionen Euro und 2026 rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz erreichen. Rewe müsste bei einem Wachstum von 20 Prozent 2025 auf 1,1 Milliarden Euro und 2026 auf 1,32 Milliarden Euro kommen – ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem Picnic der schnellere Läufer ist.

Selbst bei konservativen Annahmen von 35 Prozent Wachstum für Picnic und stabilen 25 Prozent für Rewe würde der Abstand 2026 auf wenige Millionen Euro schrumpfen. Der entscheidende Punkt: Picnic beschleunigt gerade erst, während Rewes Wachstumsraten im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich verharren.

Frisches Kapital trifft auf unerschlossene Märkte

Die neue Finanzspritze von 430 Millionen Euro ist nicht nur ein Zeichen des Investorenvertrauens – sie ist der Treibstoff für eine beispiellose Expansion. Picnic investiert massiv in hochautomatisierte Verteilzentren, die eine skalierbare Infrastruktur für schnelles Wachstum schaffen. Das erst kürzlich eröffnete Zentrum in Oberhausen kann 200.000 Lieferungen pro Woche abwickeln, das neue Zentrum in Leipzig erschließt erstmals Ostdeutschland.

Hier liegt der strategische Vorteil: Während Rewe bereits flächendeckend präsent ist und vor allem seine bestehenden Märkte weiterentwickelt, erschließt Picnic systematisch große, bisher unbearbeitete Regionen. Dresden, Halle, demnächst Leipzig und geplante Expansionen nach Bayern und Baden-Württemberg – jedes neue Verteilzentrum bedeutet Hunderttausende potenzielle neue Kunden in wirtschaftsstarken Ballungsräumen.

Das Geschäftsmodell macht den Unterschied

Picnic ist ein reiner Online-Lieferdienst – fokussiert, spezialisiert, optimiert für genau diesen Kanal. Jeder Euro fließt in die Perfektionierung des Liefergeschäfts. Rewe hingegen ist primär ein stationärer Händler mit einem Online-Angebot als zusätzlichem Standbein. Diese strukturelle Differenz zeigt sich in den Investitionsprioritäten und der Geschwindigkeit, mit der neue Technologien und Prozesse ausgerollt werden.

Picnics hochautomatisierte Fulfillment-Center sind darauf ausgelegt, bei steigendem Volumen Skaleneffekte zu realisieren. Die hohen Anfangsinvestitionen amortisieren sich durch effiziente Prozesse und niedrigere variable Kosten pro Lieferung. Rewe kommissioniert dagegen überwiegend aus Märkten – flexibler in der Anlaufphase, aber weniger skalierbar bei Massenvolumen.

Die Zeitfenster schließen sich

Der deutsche Online-Lebensmittelmarkt steht noch am Anfang seiner Entwicklung. Während in den Niederlanden bereits über 10 Prozent der Lebensmittel online gekauft werden, liegt der deutsche Markt bei etwa 2 Prozent. Das bedeutet: Die entscheidende Schlacht um Marktanteile findet jetzt statt, in der Phase der Markterschließung.

Wer in dieser kritischen Phase die bessere Infrastruktur aufbaut, die höhere Kundenzufriedenheit liefert und die stärkere Markenbekanntheit aufbaut, gewinnt den Wettbewerb um die nächsten Jahrzehnte. Picnic investiert genau in diese Zukunft – während Rewe seine Ressourcen auf ein diversifiziertes Portfolio verteilen muss.

Die Gegenargumente

Natürlich bleiben Unwägbarkeiten. Rewe verfügt über etablierte Markenbekanntheit, ein dichtes Filialnetz und jahrzehntelange Kundenbeziehungen.

Außerdem hat Rewe auch eigene Logistikzentren, darunter auch ein hochautomatisiertes, worauf E-Food-Experte Matthias Schuh über LinkedIn als Replik auf meine These hinweist.

Picnic hat derzeit 2 hoch automatisierte Fulfillment Center, eins davon in den Niederlanden.
In den meisten Lagern wird noch « klassisch » kommissioniert nach dem « Mann-zu-Ware » Prinzip.
Dies soll in keinster Weise die beachtliche Leistung von Picnic schmälern, aber eine saubere Darstellung der Ist-Situation sollte es dann schon sein….

Und auch Rewe hat mit Scarlet One in Köln ein hoch automatisiertes Fulfillment Center am Start und etliche Regionallager, in denen recht effizient kommissioniert wird. Die Rewe und ihre logistischen Anstrengungen kommen mir in der obigen Darstellung doch etwas zu schlecht weg.

Prof. Dr. Matthias Schuh auf LinkedIn

Laut Stand Juni 2025 belaufen sich die oben erwähnten Logistikzentren auf aktuell über 16 spezialisierte Food Fulfillment Center in Deutschland, in denen manuell sowie teilautomatisiert für 90 Städte kommissioniert wird. (Das FFC Scarlet One in Köln ist teilautomatisiert mit der E-Grocer-Lösung von Knapp.) Etwa 2000 Läden bieten Click & Collect an, das direkt im Laden fulfilled wird.

Die Conversion von bestehenden Rewe-Kunden zum Online-Service könnte schneller gelingen als die Neukundengewinnung von Picnic. Zudem könnte Rewe auf die Bedrohung mit eigenen Investitionsoffensiven reagieren.

Auch die Profitabilität bleibt eine offene Frage. Picnics aggressive Expansion verbrennt Kapital – die Frage ist, ob die Investoren den langen Atem haben, bis die Skaleneffekte greifen. Und neue regulatorische Anforderungen oder veränderte Konsumgewohnheiten könnten die Prognosen durcheinanderwirbeln.

Fazit: Die Wachablösung kommt

Die Kombination aus überlegenem Wachstumstempo, strategischer Expansion in Kernmärkte, frischem Kapital und einem vollständig auf Online-Lieferung fokussierten Geschäftsmodell macht Picnic zum wahrscheinlichen Gewinner des Rennens um die Marktführerschaft im deutschen Online-Lebensmittelhandel.

Mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 bis 70 Prozent wird Picnic 2026 Rewe im Liefergeschäft überholen – vorausgesetzt, das Unternehmen hält sein Wachstumstempo bei mindestens 35 bis 40 Prozent und die neuen Verteilzentren laufen wie geplant hoch. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Nicht die Größe heute entscheidet, sondern die Geschwindigkeit morgen.

Für Rewe bedeutet das: Die Zeit des komfortablen Vorsprungs ist vorbei. Wer im Online-Lebensmittelhandel führen will, muss in den nächsten 12 bis 18 Monaten massive Gegenmaßnahmen ergreifen – oder sich damit abfinden, dass ein niederländisches Start-up den deutschen Marktführer von der Spitze verdrängt hat.

Transparenzhinweis: Der Artikel wurde nach Veröffentlichung um ein Statement von Matthias Schuh und um die Beschreibung der Logistikzentren von Rewe erweitert.

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